
Gerda Lacher
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Die Reise eines Blattes
Eine Kurzgeschichte von Gerda Lacher
Es ist Herbst geworden in unserem Land. Ein wunderschöner Herbst, mit den schönsten Farben. Alle Schattierungen von Rot, Braun, Gelb, Grün, und die Sonne tut ihr bestes dazu, um diese Farbenpracht ins rechte Licht zu rücken.
Mein Blick von der Terrasse aus gleitet durch dieses Farbenspiel hinunter über den jetzt ruhig daliegenden See und wieder aufwärts zu den bunt bewaldeten Bergen und darüber zum Himmel und den Wolken. Alles erscheint so ruhig und gesättigt nach dem doch sehr schönen und heißen Sommer. Der Wind beginnt mit seinem Spiel und schiebt die Wolken in Richtung Osten, dazwischen - strahlend blauer Himmel, und die Sonne lacht mich wärmend an. Es erweckt ein Gefühl des Eingebundenseins in mir. Ich gehöre dazu. Ich bin Teil von allem was ist. Glückseligkeit durchflutet mich und ich fühle Dankbarkeit in mir, dies alles sehen, spüren und erleben zu dürfen. In diesem seligen Augenblick treibt der Wind sein Spiel intensiver und die Blätter wirbeln durch die Luft. Es scheint, als hätten sie darauf gewartet, den letzten Schubs zu bekommen, um ihre Reise antreten zu können.
Birkenblätter, vor einiger Zeit noch saftig grün, mit Tautropfen versehen, blitzen sie mit allen Spektralfarben, durch die Sonne ausgelöst und jetzt gelb, hellbraun und trocken, warten sie auf ihre große Reise. Ebenso Ahorn-, Buchen-, Eschen- und Kastanienblätter und Blätter von allen Sträuchern, den Obstbäumen, alles bunt gemischt fliegt durch die Luft. Ein herrliches Bild für mich - dieser freie Flug, ohne zu wissen, wo die Landung ist. Die Natur zeigt es mir wieder und wieder, sich hingeben und tragen lassen, all das geschieht zum Besten, um sich zu erfüllen. Diese Führung bedingungslos annehmen. Wie gerne hätte ich diese Eigenschaft, loslassen und sein lassen.
Ein Ahornblatt treibt auf die Terrasse zu und schwubs, landet es an der noch grünen und saftigen Kletterpflanze. Der Wind hilft dazu, damit beide sich innigst umarmen können. Sie drücken sich fest aneinander und raunen sich zu: „Du bist noch saftig und voller Kraft. Lass mich dieses Gefühl noch mal spüren. Es war schön, einfach wunderschön. Doch jetzt hat meine letzte Reise begonnen und der Kontakt mit dir ist unglaublich gut. Ich danke dir dafür.“ Die saftigen Blätter antworten: „Wir haben noch etwas Zeit und doch beneiden wir dich ein wenig ... Dieses freie Fliegen durch die Luft und die Landung, soeben wecken diese in uns so leichte und schwebende Gefühle, frei zu sein, schwerelos, vollkommen im Augenblick sein. Wie aufregend ist doch dieses SEIN! Dir wünschen wir eine Reise voller Abenteuer und wer weiß, vielleicht treffen wir uns wieder.“
Ein leichter Windstoß kommt und weiter geht´s in die Höhe zum freien Flug bis zum Kirschbaum. Dort bleibt es an einem Ast hängen. Durchbohrt vom Ast, so hängt es oben und wie an einem Karussell dreht es sich rundherum, mal schnell, mal langsam, wie der Wind es grade will und dann: Pause - Stillstand - wunderbare Erholung; „Und wie geht´s weiter? - Das kann ja nicht das Ende sein“, meint das Ahornblatt. Der Kirschbaum fragt: „Was willst du hier bei mir. Meine Blätter sind alle abgereist, ich halte Winterschlaf. Sieh zu, dass du Aufwind bekommst.“ Die Antwort kommt sofort: „Nein, nein, ich bleib´ nicht bei dir, ich hab´ nur ein wenig Spaß bei und mit dir. Siehst du nicht, spürst du nicht, wie es rund geht mit dir und mir und wie der Wind uns diesen herrlichen Spaß ermöglicht.“ Der Kirschbaum meint: „Ja, wenn ich es recht bedenke, so ist es fürwahr auch für mich ein Spaß. Wenn sich auch meine Säfte schon zurückziehen, so spüre ich doch Freude in mir und freue mich mit dir. Danke, dass du mich aufmerksam machtest, denn jeder Augenblick ist kostbar. Viel Glück für deine Weiterreise.“
Erneut geht es los mit Rundherum, das durchbohrte Loch ist jetzt viel größer. Der Wind kommt von der anderen Seite und treibt das Ahornblatt in die Luft, hoch und tief, ähnlich wie beim Drachensteigen. Der Wind hält still und das Blatt fällt und fällt und treibt auf die Wassertonne zu - eine weiche, kühle Landung.
Ich gehe hinunter zur Wassertonne und schaue dem Blatt zu, wie es das kühle Nass genießt und sich vom Karussellfahren erholt. Nach einer Weile des Betrachtens frage ich: „Willst du hier bleiben oder deine Reise fortsetzen?“ Es antwortet: „Ja, weißt du, wie ich mich jetzt so ausruhte, dachte ich, meine Reise sei zu ende, kurz und doch so wunderschön. Solche Erfahrungen machte ich als festsitzendes Blatt nicht - ich hab´ es so genossen! Wenn du mir abietest, diese Reise fortzusetzen, freue ich mich riesig. Ich habe festgestellt, dass ich so gerne reise. Die Kontakte die ich habe, dieses Anschmiegen an jemand anderen als ich es bin, dieses freie Fliegen, die Lust am Spiel zu entdecken und erleben, das alles kannte ich nicht. Ich war ja festgewachsen, mit meinem Zuhause verwurzelt, beschützt, wohlgenährt und sorglos. Doch diese innere Freiheit, die mir diese Reise erkennbar macht, ist mit nichts zu vergleichen. Es gibt hiefür keine Worte. Warte, vielleicht kann ich es anders ausdrücken: Diese Beschütztsein, Geborgensein, das kam ja nicht aus mir, das kam ja von außen. Jetzt empfinde ich es so, als hätte mein Inneres das Äußere - das mir ja enorme Grenzen auferlegte - gesprengt und ich weiß nun endlich, was innere Freiheit ist. Unabhängig, mich ganz hingeben an meine Führung und wie du siehst - Ich liege zwar hier im Wasser und da kommst du und fragst mich, ob ich weiterreisen will? Ja, ICH WILL!
Ich muss dir noch sagen, ein großer Schmerz war es schon, das gewohnte Zuhause zu verlassen, doch ich habe so viel gewonnen, so viel Schönes erlebt und Nichts will ich missen. So wie es war ist es gut und wie es jetzt ist, ist es wunderbar und dank dir kann ich meine Reise voller Vertrauen fortsetzen.“
Ich fahre mit meiner Hand ins Wasser unter das Blatt und hebe es hoch. Wir genießen einander eine Weile, ich spüre das Nasse, Feuchte und lege es immer wieder auf eine neue Stelle meiner warmen Hand, bis das Blatt wieder leicht wird und nehme langsam Abschied. Vieles hat es mir erzählt von der inneren Freiheit, einiges davon habe ich schon erlebt und kann es daher gut nachfühlen. Es ist der Sinn unseres Daseins, Vertrauen in uns selbst zu haben, was auch kommt, es ist das Beste. Das Blatt meldet sich nochmals und sagt: „Das war jetzt besonders gut, wie du mich auf deiner warmen Haut hast trocknen lassen, ich danke dir. Sei wachsam, ich komme wieder in deine Nähe als ganz etwas anderes und doch wirst du mich erkennen.“
Meine Augen füllen sich mit Wasser, ich hebe die Hand hoch und der Wind nimmt das Blatt mit, diesmal ganz hoch in die Lüfte. Ich rufe noch nach: „Und viele Abenteuer für dich!“
Mit einem dankbaren Gefühl auf beiden Seiten geht jeder seinen Weg mit einem offenen Herzen.
Ein Sprichwort zum Abschluss: Wer ein Abenteuer gut überstanden hat, ist angekommen bei sich selbst!